Overtone Music Network

a common space & database for harmonic overtones

Der Obertongesang


Als erstes hörte ich eine kraftvolle menschliche Stimme, die einen einzigen Ton sang.


Dann begann dieser Ton voluminöser zu werden, sich mit seltsamen,


scheinbar aus dem Nichts kommenden glockenähnlichen Klängen zu füllen.


Es war ätherisch, überirdisch und einfach wunderschön. [1]


 


Obertongesang ist die Kunst mit einer Stimme zu gleich zwei oder mehr Töne hervorzubringen. Im Rahmen dieser Arbeit soll es lediglich um den als westlichen
Obertongesang
bekannten Stil gehen. Es ist meines Erachtens nach, eine
geeignete Methode mit Hilfe einer emotional-philosophischen Betrachtungsweise
der magischen Stimmkunst des Oberton Singens zu begegnen. In der Tat wird von
Zuhörern häufig der erste, über einem kraftvoll gesungenen Grundton entstehende
Oberton, als ein Erlebnis beschrieben, dass mit einem plötzlich auftretenden
Sternenfunkeln am Dunkel des Nachthimmels vergleichbar erscheint. Bei gekonnter
Anwendung der Obertongesangstechnik entsteht ein kristallklarer, schein- und
hörbar frei im Raum schwebender Oberton der aus dem stetig gesungenen Grundton
entsteht und über diesem einen eigenen Melodielauf führen kann. Die Erzeugung
vokaler Obertöne ist mit der Aufspaltung des Lichts mit Hilfe eines Prismas
vergleichbar. Fällt Licht in ein Prisma ein wird es in seine Spektralfarben
aufgespalten – regenbogenartige Farbspiele, die das Innenleben diesen
Lichtstrahls bilden, entstehen. Im Vokaltrakt entspricht die Zunge, die die Vokale
formt, diesem Prisma. Der im Kehlbereich erzeugte Grundton wird durch die Veränderung
der Zungengrundposition, einem Bereich der Zunge der körperlich häufig wenig
bewusst ist, in seine einzelnen Obertöne aufgespalten, die analog zu den
Spektralfarben des Lichts, das Innenleben eines Tons bilden. Mit Hilfe des
vorderen Bereichs der Zunge, die im Rachenraum durch bestimmte Techniken diese
Betrachtung des Toninnenlebens noch mehr akzentuieren kann, werden einzelne
Obertöne deutlicher hörbar. Je nachdem wie sich jetzt die Zungenstellung bei
der Bildung der Vokale verändert, treten andere Obertöne ins Rampenlicht. Obertöne
entstehen beim sprechen immer. Sie bilden die jedem Menschen eigene
Stimmcharakteristik und erzeugen so eine ganz individuelle Klangfarbe. Je nach
eigener Gestimmtheit kann diese Klangfarbe variieren. Es ist allgemein immer
eine wahrliche Fülle von Obertönen vorhanden, wenn wir uns im Alltag ganz
normal unterhalten. Sie werden allerdings nicht isoliert voneinander
wahrgenommen, das heißt, dass sich verschiedene Obertöne im alltäglichen
Vokalklang überlagern, in einander überfließen und so, häufig unbewusst, eine
Vielzahl dieser wahrgenommen wird. Beim Obertongesang wird durch die Zungenstellung
gezielt ein einzelner Oberton aus dem Gesamtklang der Stimme herausgefiltert
und mittels weiterer Techniken im Bereich der Mundhöhle verstärkt, sodass
dieser im Verhältnis zu seinen benachbarten Obertönen lauter erscheint und
somit als einzelner, frei im Raum schwebender Ton empfunden wird. Das Tönen von
Vokalen erzeugt schon ohne spezielle Obertontechniken oftmals einzelne, wenn
auch zumeist leise, hörbare Obertöne. Zentral ist hierbei das Singen von
Vokalfolgen, die langsam in einander überfließen. An gewissen Stellen des
gleitenden Übergangs wandert die Obertonreihe dann sprunghaft von einem Oberton
zum nächsten über. Die einzelnen Vokale treten zudem in Resonanz mit dem
Körper. Dies zeigt sich in Empfindungen, die je nach intoniertem Vokal zwischen
der Schädeldecke als höchstem und dem Damm als niedrigstem Resonanzpunkt auf
körperlicher Ebene als Kribbeln auftreten. Der Obertongesang besitzt somit zum
Einen die emotional-geistige Dimension der unter die Haut gehenden Faszination,
sowie der daraus resultierenden Neugierde und dem Wissensdurst um den Ursprung
dieser wundersamen Klänge. Zum Anderen, über die Intonation der Vokale, durch
die die Obertöne besonders hervortreten, eine körperliche Dimension in der
konkrete Resonanzempfindungen in unterschiedlichen Bereichen des Oberkörpers als
fühlbare Vibrationen auftreten können. In der Gongtherapie hat der
Obertongesang in der einleitenden Phase während des Spiels von Monochord und
Tanpura seinen Platz. Nachdem das Monochord eine ca. zehn minütige Zeit seinen
Klang entfalten konnte, setzt der Obertongesang auf den Grundton des Monochords
ein. Aufgrund der festen Reihenfolge der Obertonreihe entstehen so exakt identische
klangliche Spielräume. In höheren Frequenzbereichen ab ca. dem 20. Oberton kann
die Zunge aufgrund ihrer Form und Struktur jedoch nicht mehr sauber zwischen
zwei aufeinander folgenden Obertönen trennen, die dann bereits weniger als
einen Halbtonschritt auseinander liegen. Der Obertongesang entspricht in
gewisser Weise dem Klangarchetypus des Monochords und führt häufig in tiefe
Empfindungen des Wohlfühlens und Getragen seins – einer Behaglichkeit wie im
Mutterleib. Zu Weilen wird er jedoch auch als etwas Unangenehmes empfunden, was
mit einer unbefriedigenden und ambivalenten Beziehungserfahrung im Mutterleib
oder im nachgeburtlichen Leben mit der Mutter zusammen hängen könnte.
Assoziativ ließe sich das oben veranschaulichte Bild des aufleuchtenden Sterns
beim Obertongesang, auf die bereits dargelegte Betrachtung übertragen, dass das
Monochord bis an die Schwelle der eigenen Empfängnis zurück führen kann. Der
aufleuchtende Stern könnte hierbei für etwas neu Entstandenes stehen und das
archetypische Monochorderlebnis noch verstärken. Ob dem Obertongesang solch
eine Bedeutung zukommt ist jedoch spekulativ. Weitere Überlegungen über mögliche
Berührungspunkte zu klanglichen Archetypen oder einer eigenen archetypischen
Charakteristik und Güte sollten gesondert behandelt werden und würden den
Rahmen dieses Abschnitts deutlich überschreiten. Es bleibt auf die sicherlich
hervor strahlende Bedeutung des Gesangs hinzuweisen, der Menschen während der
ontogenetischen Entwicklung von Grund auf prägt und begleitet, da er ausgehend vom
Vokaltrakt der Mutter mittels Knochenleitungen permanent zu Embryo
beziehungsweise Fötus durch schwingt und auf diese Weise zu einem steten
Wegbegleiter menschlicher Existenz avanciert. Auch über den Raumklang der durch
die Bauchdecke, wenn auch möglicherweise gedämpft, in den Uterus gelangt, ist Vokalklang
von Personen der unmittelbaren Umgebung wahrnehmbar. Abschließend sollte noch
die Bedeutung in der phylogenetischen Entwicklung betont werden. Viele
Schöpfungsmythen sprechen davon, dass am Anfang das Wort oder ganz allgemein
Klang war.


(vgl. Goldman, 2008; Saus, 2006, Ming, 2009)






[1] Goldman, 2008, S. 26



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