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Die Trommel


Da entstand in mir das Wissen, dass das Spielen musikalischer


Rhythmen tief in unser Inneres einzugreifen vermag.


Dass der Rhythmusweg einer der zahlreichen Wege


zur Erweiterung unseres Bewusstseins ist. [1]


 


Die Trommel ist das Pferd des Schamanen. Er reitet auf ihrem Klang entlang des Flusses in die mythologische Unterwelt seiner Gemeinschaft, eine nicht alltägliche Wirklichkeit in der er mit Geistern
und Krafttieren in Kontakt treten und so auf dieser Ebene Ursachen für
Erkrankungen von Menschen seines Stammes erkunden kann. Archäologischen Funden
zu Folge ist die Trommel eines der Instrumente die bereits vor 30000 Jahren zu
rituellen Zwecken eingesetzt wurden. In indigenen Kulturen, deren Weltbild noch
mehr als die unsere von einer archaischen Bewusstseinsstruktur des Einklangs
mit und Eingebettet seins in die Natur bestimmt ist, hat die Trommel auch in
der heutigen Zeit ihren festen Platz in schamanischen Seancen. Dieses starke stammesgeschichtliche
Band zwischen Menschen und Trommeln das auch in den abendländischen Kulturen,
obgleich mit einem anderen Stellenwert, in der musikalischen Kunst und in der
Musiktherapie existiert, findet sich ebenso in der ontogenetischen
Entwicklungsgeschichte eines jeden einzelnen Menschen wieder. Während der Entwicklung
des Hörsinns zu Beginn des zweiten Drittels der Schwangerschaft, ist der
Herzschlag der Mutter eines der ersten akustischen Erlebnisse und zugleich auch
Beziehungsangebote für den vorgeburtlichen Menschen. Das Vorhanden sein eines
pränatal eingespeicherten Engramms dieses Klangs, dass in enger Verbindung mit
den lebensweltlich-emotionalen Qualitäten des Mutterleibs steht ist daher eine
logische Konsequenz der intrauterinen Entwicklung. Das Spiel einer Pulsation
von 70-80 Schlägen pro Minute vermag so den Herzschlag eines Menschen zu
simulieren. Während der Schwangerschaft ist der Herzschlag des Fötus ungefähr
doppelt so schnell. Somit sind in der intrauterinen Phase eines Säuglings
zugleich zwei hör- und fühlbare Herzrhythmen vorhanden. In der Klangtrance symbolisiert
eine Pulsation von 70-80 Schlägen pro Minute das vorgeburtliche Mutterherz, das
je nach der eigenen Erfahrung als verlässlich und tragend oder unzuverlässig
erlebt werden kann. Über diese Klänge ist zugleich auch eine kommunikative
Erfahrung mit der Mutter, beziehungsweise der Welt erlebbar, da der Herzschlag,
neben dem kontinuierlichen Puls des Lebens, ebenfalls ein Beziehungsangebot
darstellt. Das Miteinander in Gemeinschaft und Gleichheit kann empfunden
werden. Zudem wird durch die Rhythmizität des Trommelspiels Zeit und dadurch
auch das zeitlich gebundene Erdendasein, sowie die immanente Vergänglichkeit des
Lebendigen individuell erfahrbar. Das Erleben des „wahren“ Selbst und die
Thematik von Lebensanfang und Lebensende können aufleuchten. Strobel meint,
dass es sich bei diesem archetypischen Raum weniger um apersonal-ozeanische Erlebnisdimensionen,
sondern mehr um die Erlebnisse persönlicher Themen handelt.
Bei einem biographisch
verstellten archetypischen Raum können dadurch Erfahrungen die mit Exekution,
Tod oder Leistungsforderung in Verbindung stehen in das Bewusstsein rücken. Die
Gleichschaltung von Menschen, die einen phylogenetischen Charakterzug mit sich
bringt, erscheint als ein Erlebnisinhalt der über die Grenzen der persönlichen
Bewusstseinsebene hinausreicht. Damit einhergehend kann die Trommel als
Gevatter Tod, der in den Krieg und das Verderben schickt, erlebt werden. Je
nach individueller Vorerfahrung kann der Trommelpuls als tröstlich oder als ebenso
unerbittlich erscheinen. Eine Erhöhung des Pulses kann zu Unruhe und Aufregung
führen, wohin gegen eine Verlangsamung Panik und Todesangst auslösen kann. Die
immense Bedeutung des Trommelspiels auf das Erleben eines Menschen ist jedoch
in jedem Fall ersichtlich. Die Trommel als Schrittmacher körperlicher Rhythmen,
die mit ihren Klängen sowohl den
Herzschlag als auch die
Gehirnwellen (Körper und Geist) zu beeinflussen vermag, kann das seelische
erfahren veränderter Bewusstseinszustände und dadurch tieferer Bewusstseinsschichten
ermöglichen.
Es ist jedoch fraglich ob ein Trommelrhythmus von allein
eine Veränderung der Hirnwellen und des Herzschlags auslöst oder ob dadurch
lediglich ein seelisch-geistiges Hörerlebnis ermöglicht wird, dass aufgrund der
inneren Bedeutsamkeit die Hirnwellen und den Herzschlag beeinflussen kann
. Anderenfalls
wären Menschen durch die unzähligen Rhythmen in der Außenwelt vermutlich
ständig in Hirnwellen und Herzschlag
beeinflusst und würden zwischen den
dadurch indizierten Zuständen von Körper, Geist und Seele permanent hin und
herpendeln.
Strobel verwendet in
seiner Ausgestaltung der Klangtrance eine weich gespannte Rahmentrommel mit
einem warmen Ton, die er bei einem konstanten Puls von 60 Schlägen pro Minute
ohne
rhythmische Varianz
spielt,
um somit den Herzschlag zu symbolisieren. Die Menschlichkeit trägt dafür Sorge,
dass es sicherlich nie ein maschinell konstanter Puls von 60 bleibt, sondern
dieser um 60, der den gemeinsamen Nennwert bildet, herum schwingt. Genauso ist
es auch bei dem Herzschlag. Dieser ist bei gesunden Menschen im Ruhezustand nie
starr zwischen 70 oder 80 Schlägen, sondern pendelt um diesen Wert herum.
Schwingung bedeutet Lebendigkeit. In der Gongtrance wird hingegen keine
Rahmentrommel verwendet. Je nachdem welcher Musiktherapeut die Leitung
übernimmt wird die indische Tabla oder eine afrikanische Djembe gespielt, die
sich natürlich auch in ihrem Klangcharakter unterscheiden. In der ersten Hälfte
des Trommelspiels handelt es sich um einen Puls zwischen 70 und 80 Schlägen, in
der zweiten Hälfte um die verdoppelte Geschwindigkeit. Somit werden zum Einen
das mütterliche Herz und zum Anderen das Herz des Fötus auf
symbolischer Ebene hörbar, um dem
intrauterinen Klangszenario der Herzschläge trommelnderweise Ausdruck zu
verleihen. Die Tabla wird allerdings nicht mit einem steten Pulsschlag von 70 –
80 gespielt, sondern zeichnet sich durch komplexere Rhythmusstrukturen aus, die
aber ebenfalls Schwerpunkte an den Impulsstellen des Herzschlags im Ruhezustand
setzen. Diese Betonungen sind die tragenden Säulen einer rhythmischen Struktur.
Neben dem systolischen und diastolischen Impuls des Herzens gibt es noch einige
weitere Geräusche (
zum Beispiel das Öffnen und Schließen der Herzklappen)
denen die Tabla durch gezielt gespielte Verzierungen im rhythmischen Verlauf
des Pulses Ausdruck verleihen und somit der Varianz der menschlichen
Physiologie gerecht werden kann. Weiterhin entsteht durch die Beschaffenheit
der Tabla die Möglichkeit parallel eine Melodie aus Obertönen zu erzeugen, die
entlang der rhythmischen Expression der Pulslinie schwebt und für die Erzeugung
und Stabilisierung einer Klangtrance sicherlich von großer Bedeutung ist.
Relational
kürzere und längere Rhythmuselemente verstärken den organischen Ausdruck dieses
Trommelspiels.[2]


Während dieser Rhythmusphase erklingen zudem Tanpura, Shruti Box, sowie Obertongesang oder ein vokaler Melodielauf. Zum Ende hin endet der Gesang, sodass auf der Tabla akustische
Malereien mit Obertönen deutlich hervortreten können.


 (vgl. Persönliche Gespräche mit Dr. Peter Hess, Persönliche Erfahrungen, Strobel, 1999 , S. 90ff.; Flatischler, 1984, ; Hess, 1999, S. 77ff., in: Musiktherapeutische
Umschau, 1999 – Band 20; Silber, Hess, Hoeren, 2007 , S. 14ff. )


 






[1] Flatischler, 1984, S. 20



[2] hierzu: Flatischler, 1984, S. 55



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