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Die Tanpura


Sein Blick hat sich völlig verloren, er ist weit entrückt – fort,


im spurenlosen Universum der Klanges.


Die Tanpura hat ihn verzaubert, und für die nächsten paar


Stunden wird er völlig von ihr beherrscht. [1]


 


Bei der Tanpura handelt sich um eines der ältesten Instrumente der klassischen indischen Musik. Bestehend aus vier bis sechs Saiten die über einen Tangentialsteg aus Horn oder Knochen laufen, einem
hohlen Hals aus Holz, sowie einem Resonanzkörper, der aus einem Riesenkürbis
geformt und mit Holzschnitzereien kunstvoll verziert ist, ist die Tanpura der
Gattung der Chordophone zugehörig. Es gibt maskuline und feminine Abkömmlinge
dieses Instruments, die sich in der Stimmung, je nachdem ob sie zu einem
männlichen oder weiblichen Gesang erklingt, unterscheiden. Bei der Begleitung
von Männern handelt es sich häufig um mindestens zwei tief gestimmte, große
Tanpuras, die einen soliden Klangteppich weben. Bei Frauen sind es eine bis
eineinhalb Oktaven höher gestimmte Instrumente (häufig auch nur eine einzige
Tanpura), die die sanfte und filigrane weibliche Stimme über den musikalischen
Fluss transportieren. Bei einer viersaitigen Tanpura, wie sie in der Gongtrance
verwendet wird, handelt es sich um eine Stimmung aus Grundton, Quinte und der Oktave
darüber. Bei Tanpuras mit fünf oder sechs Saiten können zusätzlich noch andere
Intervalle in Abhängigkeit des Grundtons und des begleiteten Ragas (Tonskalen
der indischen Musik) erklingen. In der Tonabfolge A-d-d-D erzeugt die Tanpura in der Gongtrance einen
Bordunklang, der einmal
begonnen, keinen hörbaren Anfang und kein Ende mehr aufweist bis er bei einer
Spielunterbrechung langsam verklingt. Es gibt zwei unterschiedliche Spielweisen
der Tanpura; eine nordindische und eine südindische. Bei der südindischen findet
eine Verzögerung zwischen dem anzupfen der ersten und zweiten Saite statt. Bei
der nordindischen erklingen die Saiten ohne Pause nacheinander. In der
klassischen indischen Musik wird auf mit der Tanpura keine rhythmische Struktur
erzeugt. Vielmehr wird eine Saite mit einer schnalzenden Fingerbewegung
angespielt bis sie den gefühlten Höhepunkt der Obertonkurve erklingen lässt.
Kurz nach diesem Höhepunkt wird dann die nächste angezupft. So entsteht der
schier endlose Klang der Tanpura, der sich, wie bereits beschrieben, in Nord-
und Südindien je nach Spieldynamik leicht unterscheidet. Die Saiten werden
senkrecht zu Hals und Korpus angezupft, sodass sie möglichst intensiv und lange
auf den Tangentialsteg aufprallen. Zwischen diesen Steg und den darauf aufschlagenden
Saiten wird je ein schmaler Bindfaden gezogen, der die Saiten etwas vom Steg
abhebt. Hierdurch entsteht neben dem eigentlichen Ton der jeweils angespielten
Saite ein metallenes Surren/Schnarren, das zu Weilen auch an einen
Bienenschwarm erinnert und einen Reigen von Obertönen aus dem Innenleben eines
Tons offenbart. Bei der Tanpura ist nicht nur die äußert präzise Stimmung auf
den jeweiligen Ton wichtig, sondern auch die Position und Stärke des Bindfadens
am Tangentialsteg von besonderer Bedeutung, da dieser für den eigentlichen
charakteristischen Klang des Instruments verantwortlich ist. Mit
unterschiedlichen Positionen und Stärken dieser Fäden können verschiedene
Obertöne klanglich verstärkt oder abgeschwächt werden, wodurch die Möglichkeit
entsteht, bestimmte Obertöne, denen eine besondere Bedeutung im Raga zukommt,
deutlicher erklingen zu lassen, während andere, weniger bedeutsame abgeschwächt
werden. Am unteren Ende des Resonanzkürbisses ist außerdem eine Feinstimmvorrichtung
vorhanden, mit Hilfe derer zum Einen der Grundklang präzise auf einen Ton
eingestellt werden kann. Zum Anderen gilt es allerdings gleichzeitig drauf zu
achten, dass der Druck den die Feinstimmvorrichtung auf den Korpus ausübt nicht
zu massiv wird, da sonst der Klang einen Teil seiner obertönigen Brillianz
verliert. Für die Grobstimmung ist für jede Saite ein drehbarer Holzgriff am
oberen Ende des Instruments vorhanden. Außerhalb der klassischen indischen
Musik hat die Tanpura keine allzu große Verbreitung gefunden. Dort jedoch hat
sie einen unumstößlichen Stellenwert. Die Tanpura symbolisiert die Mutter, auf
der der Klang über den Fluss zu den Zuhöhrern getragen wird. Ohne die Tanpura
gibt es schlichtweg keine Musik klassischer Art. In der Musikerziehung Indiens
kommt diesem Instrument daher auch ein zentraler Stellenwert bei einer
ganzheitlichen musikalischen Entwicklung zu. Bei der Meisterschaft im Umgang
mit einem Instrument, handelt sich nicht nur um die technisch-physiologischen
Übungen, die in unzähligen Stunden des Übens in Mark und Knochen übergehen,
sondern ebenso um die Praxis des musikalischen Sadhanas. Sadhana beschreibt
entgegen der weltlichen Komponenten aus Technik und Wissen um die Handhabung
eines Instruments und der Struktur der indischen Musik, das mystische, in
Kontemplation erfahrbare innere Verständnis um das Wesen der Musik und der
dahinter liegenden Weisheiten und Wege. Musiker in denen Sadhana aufleuchtet,
setzen sich intuitiv für das Richtige
in der Musik ein; Erleben und entfalten Klänge auf einer Ebene der Existenz,
die jenseits des Materiellen auch das Spirituelle umschließt und so die wahre
Magie akustischer Schwingungen entfalten kann. In Zeiten von Lernkrisen während
der Beschäftigung mit einem Instrument kann die Tanpura eine kraftvolle Stütze
auf dem Weg zur Entfaltung des Sadhana sein. Umgekehrt gleicht die Reise auf
dem musikalischen Fluss, ohne die Tanpura, einer Karawane durch die Wüste, die
ohne ausreichendes Trinkwasser aufgebrochen ist. In dem schier endlosen
obertonreichen Klang dieses Instruments schlummern alle anderen Facetten der
Musik. Sie klopfen in Form dieses surrenden Klangs an die inneren Pforten der
Hörenden und können neue Energie aufflammen lassen und einen unruhigen Geist
befrieden. Wie bereits erwähnt gilt die Tanpura in Indien als die Mutter, die
die Musik über den Fluss tragen kann. Darüber hinaus wird die Tanpura auch zur
Geburtsvorbereitung eingesetzt.
Leboyer berichtet von einer
Region in Indien, in der sich schwangere Frauen mehrere Stunden täglich alleine
mit diesem Instrument, das wie ein Spiegelbild des Bauchs einer Schwangeren
aussieht, zurückziehen und mit Hilfe dieses Klangs die Schwangerschaft
begleiten. Neben dem akustischen Obertonreigen, werden die intensiven
Schwingungen dieses Instrumentes somit auch über die Bauchdecke zum Fötus
transportiert. Erstaunlicherweise ist der Charakter der Tanpura auch für
westliche Menschen, die bereit sind sich auf ihren Klang einzulassen, gut nach
zu empfinden. Häufig entstehen intensive Emotionen, die auf ein nahezu
einhüllendes gebärmütterliches Erlebnis schließen lassen. In der Gongtrance
folgt die Tanpura im Anschluss an das Monochord. Mit ihrer erdgebundenen
Stimmung aus Grundton, Oktave und Quinte steht sie mehr als das Monochord für
eine folgende Phase der Schwangerschaft und symbolisiert entgegen der
kosmischen-universalen Qualität des Monochords das planetare Leben als
erdgebundenes Wesen. Mit dem musikalischen Einsetzten der Tanpura verändert
sich der Gesang vom Obertonstil hin zu einem wiegenliedähnlichen Gesang, wie
ihn viele Mütter intuitiv ihren Kindern zu Teil werden lassen. Als
Übergangssymbol erklingt auch stellenweise noch einmal Obertongesang, der sich
dann mit der wiegenliedartigen Melodie des veränderten Gesangs verweben kann.
Hierbei können ozeanische Gefühle und symbiotische Verschmelzungserlebnisse mit
der Mutter (Erde) auftreten. Einem noch paradiesischen gebärmütterlichen
Schlaraffenland entsprechend ist dieses Instrument, wie bereits dargelegt, der
ersten perinatalen Matrix nach Grof zuzuordnen. Vermutlich verbirgt sich in der
Tanpura ein weiterer Klang-Archetyp, den zu erforschen sicher eine Bereicherung
für die kontextbezogene Anwendung dieses Instruments in der Klangtrance
bedeuten könnte.


(vgl. Menon, 1988, S. 45ff.; Leboyer, ; Persönliche Gespräche mit Dr. Peter Hess)


 






[1] Menon, 1988, S. 50



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