Overtone Music Network

a common space & database for harmonic overtones

Das Monochord


 


Das Monochord ist ein Saiteninstrument. Ursprünglich wurde es von dem griechischen Universalgelehrten Pythagoras genutzt, um das Verhältnis von Mathematik und Musik – Klang und Zahl – zu
erforschen. Bei dem klassischen Monochord im pythagoräischen Sinne handelt es
sich um eine Saite, die über einen Holzkasten als Resonanzraum mit
klangverstärkender Wirkung oder einem einfachen Brett gespannt ist. Monochord
bedeutet wörtlich übersetzt „Ein-Saiter“ und ist somit der Instrumentengruppe
der Chordophone (Saitenschwinger) zuzuordnen. Bei dieser Gruppe entsteht der
Klang in dem eine mehr oder weniger gespannte Saite angezupft wird und dadurch
ins Schwingen gerät. Diese Schwingung führt zu einer Luftverdrängung in der
unmittelbaren Umgebung der Saite; eine Schallwelle, die innerhalb bestimmter
Frequenzbereiche für Menschen hörbar ist, entsteht. Bereits einige hundert
Jahre nach Pythagoras wird von Monochorden mit 8 Saiten berichtet. In der
heutigen Zeit handelt es sich außerhalb des Physikunterrichts in der Schule
meist um Monochorde von 13 bis über 50 Saiten. Diese werden mittlerweile in
unterschiedlichsten Formen und Größen gebaut. So gibt es relativ kleine
Körpermonochorde von ca. 70cm Länge, die mittels einer Wölbung an der
Unterseite direkt auf den Körper aufgelegt werden können und so neben dem
hörbaren Klang auch ein direktes, intensives körperliches Erleben ermöglichen.
Das Pendant dazu sind so genannte Monochordliegen auf die sich ein Mensch legen
kann und an deren Unterseite bis zu 50 Saiten montiert werden, um die gesamte
Liegefläche in Schwingung zu versetzen. In der Gongtrance wird ein Instrument
von ca. 130cm Länge mit einer Mensur von 120cm genutzt, dessen Klänge und
Schwingungen als Schall durch die Luft, sowie mittels der Übertragung über den
Fußboden für die Teilnehmer hör- und fühlbar werden. Auf diesem Instrument
befinden sich ca. 25 Saiten. Bei Monochorden werden in der Regel alle Saiten
haargenau auf einen Grundton gestimmt. Je genauer die Stimmung, desto
deutlicher können die Obertöne entstehen. Symbolisch ist der Klang mit einem
Baum vergleichbar, dessen Stamm den Grundton symbolisiert, der eine stabile
Basis für feinste Obertonverästelungen bis in die Krone des Baumes bietet. Diese
Klänge gehen weit über den für Menschen hörbaren Bereich hinaus. Obertöne
entstehen an den ganzzahligen Teilungspunkten, einer schwingenden Saite, also
bei der Halbierung, Drittelung, Viertelung und so weiter. So wird zusätzlich zu
dem ständig fließenden Grundton ein feines Netz an Obertönen hörbar. Je nachdem
wie präzise an den Punkten der ganzzahligen Teilungen mit jeweils einem Finger
der rechten und der linken Hand über die Saiten, in einer stetig fließenden
Bewegung gestrichen wird, werden dann einzelne Obertöne deutlicher hörbar, als
die benachbarten. In den Zwischenbereichen der Teilungsverhältnisse gespielt,
entstehen weniger deutlich einzelne Obertöne. Dafür kann es zu mannigfaltigen
Ausprägungen in Form eines An- und Abschwellens verschiedener Obertöne kommen,
die dann einen wahren Reigen an Verästelungen offenbaren. Es bietet sich also
einerseits die Möglichkeit, präzise einzelne Oberwellen zum Schwingen zu
bringen und andererseits auch einem sich entwickelnden Klang Raum zur
Entfaltung zu geben. Zentral ist, wie bereits erwähnt, die möglichst präzise
Stimmung jeder einzelnen Saite auf einen einzigen Grundton, was je nach
Wetterlage und eigener Gestimmtheit ein mehr oder weniger aufwendiges und
nervenaufreibendes Unterfangen bedeuten kann. Sind die Saiten nicht genau
gestimmt, entsteht auch nicht das wünschenswerte Hörerlebnis des Monochordes
für den therapeutischen Gebrauch. Dies kann sogar bis hin zu sehr unangenehmen
Empfindungen führen, die dann gelegentlich mit einem Sägewerk verglichen und
als wenig wohltuend bis (zer-)störend beschrieben werden. Für die Energie die
in das Stimmen dieses Instrumentes investiert wird, belohnt es die Hörenden mit
einem entsprechenden Klang, der jedoch trotz aller Stimmbemühungen durch
Umgebungsbedingungen ungünstig beeinflusst werden kann.


Die Hörerfahrung des archetypischen Monochord Klangraums, dessen Zugang nicht durch biographische Erlebnisse verstellt ist, beschreibt Strobel als ein Gefühl der ozeanischen Selbstentgrenzung (OSE). Häufig erfahren Menschen
sich in einem schwerelosen Schweben, dass einem entgrenzt sein der eigenen
Person, bei gleichzeitigem Verbunden sein mit allem gleichkommt. Es kann sich
um Momente völliger Bedürfnislosigkeit gleich dem Nirwana der hinduistischen
Philosophie oder der Befriedigung aller Bedürfnisse wie im christlichen
Paradies handeln. Das Monochord vermag die Widersprüchlichkeit der Auflösung
des eigenen Körpers bei gleichzeitigem getragen sein zu überwinden und für
Menschen begreifbar zu machen. Es schwingt eine Wahrnehmungsqualität der
Alleinheit, des Alleinseins oder eben mit dem All-eins-seins mit. Beschreibungen die auf einen biographisch
verstellten archetypischen Raum schließen lassen sind bestimmt von Gefühlen der
Bedrohung, der Angst zu zerfließen und einer Empfindung des Ungeborgenseins.
Diese unangenehmen Gefühle können ursächlich mit physischen und psychischen
Belastungen der Mutter während der Schwangerschaft zusammen hängen, die dann
das Urvertrauen des Kindes in die tragenden Kräfte des Lebens erschüttern und
als schlechte Mutterleibserfahrungen im Gedächtnis abgespeichert bleiben können.
Der Zustand der angstvollen Ich-Auflösung (AIA) nach Dittrich beschreibt
jene Gefühlsqualitäten als Pendant zur ozeanischen Selbstentgrenzung.


Dieser Erfahrungsraum ist ontogenetisch am ehesten mit der Lebenszeit im Mutterleib und der dadurch bestandenen Verbundenheit mit dem mütterlichen Organismus als der Umwelt schlechthin zu beschreiben. Obgleich
der Monochordklang für die gesamte Phase der Schwangerschaft stehen kann, wird
er gelegentlich auch mit dem Beginn der menschlichen Existenz in Verbindung
gebracht. An dieser Schwelle des Lebens kann sich der Mensch demnach während
des Vorgangs der eigenen Empfängnis und dadurch während des Übertritts aus
einem kosmischen Raum in ein planetar gebundenes Wesen erleben. Diese Theorie
ist allerdings wissenschaftlich nicht validiert.
Phylogenetisch lässt der Klang des Monochordes an
eine archaische Zeit der Menschheit erinnern, in der die Beziehung zur
umgebenden Welt durch eine symbiotische Verbundenheit gekennzeichnet war, wie
sie auch heute noch in einigen indigenen Kulturen zu finden ist. Das
stammesgeschichtliche Erbe dieser Zeit ist in uns Menschen als archaische
Bewusstseinsebene bewahrt. Allgemein schreibt Strobel den Monochordklängen
jenen Erfahrungshorizont der präpersonalen Ureinheit zu, der sich aus den
Prozessen der Verschmelzung und Auflösung erhebt. Mit Verschmelzung ist hierbei
das schier grenzenlose getragen sein als Teil des Ganzen, durch das Ganze
gemeint. Auflösung beschreibt die Erfahrung zugleich auch selbst das tragende
Ganze zu sein.


Beide Erfahrungsbereiche stellen zusammen genommen einen klassischen bipolaren Schwingungsprozess dar, wie er in der Kükelhaus‘schen Theorie aufzufinden ist. Was die beiden Pole des
Ganzen und des Einen verbindet ist deren Grenzbereich, der in diesem Sinne
keine Trennlinie, sondern eine Kontaktfläche darstellt, die zu erfahrbarer Verbundenheit
führen kann. Da das Leben ein schwingender Prozess ohne Stillstand ist, ist es
wertvoll beide Erfahrungsbereiche anzunehmen, um Bipolaritäten und Getrenntheiten
besser annehmen und letztlich mit sich selber und dadurch auch mit dem Planeten
Erde liebevoller umgehen zu können. Bei der Gongtrance symbolisieren die
Monochordklänge die erste perinatale Matrix nach Grof, die als amniotisches
Universum bezeichnet wird. Das Monochord als erstes Klang erzeugendes
Instrument in der Gongtrance vermag störenden Umgebungsgeräuschen (z.B.
Gespräche vor der Tür, Tische rücken durch die Putzfrau im oberen Stockwerk)
die Dominanz zu nehmen, den steten Gedankenfluss des menschlichen
Alltagsbewusstseins zum versiegen zu bringen und somit das
„sich-einlassen-können“ beziehungsweise „abschalten“ deutlich zu erleichtern.
Allzu häufig wird hierbei ein körperlicher Gefühlszustand erfahrbar, der sich
einerseits als Schub, andererseits als Sog in Richtung des Bodens beschreiben
lässt. Es tritt oft ein körperliches Schweregefühl auf, dass wiederum seinen
Gegenpol im schwerelosen Schweben findet. Die Bedeutung des Monochords für die
gesamte Trance wird erst wirklich deutlich, wenn es aufgrund einer spontanen
Verstimmung des Instruments nicht verwendbar ist und deswegen im musikalischen
Ablauf entfällt.


(vgl. Dosch / Timmermann, 2005, S. 9ff., S. 38ff.; Hess, 2005, S. 40ff., in: Dosch / Timmermann, 2005; Strobel, 1999, S. 87f., S. 100ff.; Strobel, 1988, S. 119ff., in: Musiktherapeutische Umschau, 1988 - Band
9; Timmermann, 1989, S. 308ff., in: Musiktherapeutische Umschau, 1989 – Band
10)


 

This content has been seen 138 times

Sponsored by:

Latest Activity

Stuart Hinds posted a status
30 minutes ago
Julia Renöckl posted a blog post

Obertonnews August 2020

Liebe alle! Nach vielen Wochen Oberton-Auszeit gibt’s wieder neue Termine! Juhu! Ich hoffe, ihr seid alle wohlauf und freut euch so wie ich auf das gemeinsame Singen und Klingen. • Am 23. August 2020 ab 11.00 sind Gerhard Narbeshuber und ich…See More
Aug 8
Bernhard Mikuskovics posted a video

Bearheart Kokopelli: Walk in Beauty (OFFICIAL VIDEO) Rav Vast, NAF, Overtone Singing, Didgeridoo

"Walk in beauty" is a single music track by Native American Music Award Winner Bearheart Kokopelli, released on August 3rd 2020 according to Lughnasadh full ...
Aug 6
Sherden Overtone Singing updated their profile
Jul 31
Sherden Overtone Singing posted a status
"Not only art, also research! https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/32600871/"
Jul 31
Jens Mügge commented on Stuart Hinds's status
"Thanks Stuart, I am fine and well!"
Jul 30
Stuart Hinds posted a status
"Sorry for the long absence. Hope you are well. https://www.youtube.com/watch?v=etXXbFs7BAs"
Jul 27
Matthew Kocel posted a video
Jul 23

© 2007 - 2020   Impressum - Privacy Policy - Sponsored by Yoga Vidya, Germany -   Powered by

 |  Support | Privacy  |  Terms of Service